In Liverpool steht die Null: Warum Florian Wirtz schwächelt

Vor allem im Verhältnis zu der hohen Ablösesumme schmerzen diese beiden Nullen gewaltig: Für 125 Millionen Euro plus möglichen Bonuszahlungen, verbunden mit entsprechend hohen Erwartungen, wechselte Florian Wirtz im Sommer von Bayer Leverkusen zum FC Liverpool in die englische Premier League. Doch nach sechs Einsätzen in der wohl stärksten Liga der Welt und zwei weiteren in der Champions League macht sich rund um den Klub und den deutschen Nationalspieler Enttäuschung breit. Bisher konnte der 22-Jährige noch nichts direkt Zählbares zum Mannschaftserfolg der „Reds“ in den zwei wichtigsten Wettbewerben beitragen. Die Wirtz-Bilanz: null Tore, null Torvorlagen.
Rund um das Champions-League-Spiel am Dienstag bei Galatasaray Istanbul mehrten sich nun die prominenten Wirtz-Kritiker. Vor dem Spiel vermerkte Englands Sturmlegende Wayne Rooney in der BBC: „Ich sehe nicht, wo er ins Team passt.“ Nach der 0:1-Niederlage der „Reds“ in Istanbul legte Liverpool-Legende Jamie Carragher nach, forderte laut „Daily Mail“, Wirtz erst mal aus der Startelf zu nehmen: „Er ist einfach überhaupt nicht auf der Höhe.“

Nur im Community Shield, dem vor Saisonstart ausgespielten englischen Supercup zwischen Meister (Liverpool) und FA-Cup-Sieger (Crystal Palace) bereitete Wirtz einen Treffer vor. Beim letztlich für Liverpool verlorenen Elfmeterschießen um das erste „Titelchen“ der neuen Saison war er bereits ausgewechselt.
Von allzu harter Kritik war Wirtz in seinen ersten Premier-League-Wochen verschont geblieben – trotz der fehlenden Produktivität. Angesichts einer sieben Spiele währenden Siegesserie bot sich wenig Angriffsfläche für allzu harte Worte in den nicht für ihre Zimperlichkeit bekannten englischen Medien und von den bekannt meinungsstarken englischen Fußballlegenden. Noch vor einer guten Woche analysierte Liverpools niederländischer Meistertrainer Arne Slot wohlwollend über seinen deutschen Stareinkauf: „Er will immer den Ball haben, selbst wenn es ein paar Momente gibt, in denen wir das Gefühl haben, dass er es besser machen könnte. Er will den Ball einfach immer behalten, versucht es immer wieder. Und er wird immer besser und fitter.“
Nun aber hat Liverpool zweimal in Folge verloren – vor der Niederlage in Istanbul auch in der Liga: wieder bei Crystal Palace. Und schon wird die Kritik am Deutschen beißend: „Im Moment denke ich, dass er aus der Mannschaft herausgenommen werden muss, damit Liverpool zu dem zurückkehren kann, was es in der letzten Saison war, und dann von dort aus Selbstvertrauen aufbauen und defensive Stabilität entwickeln kann. Denn im Moment ist es ein Chaos“, sagte Carragher.
Bisher hat Trainer Slot dem Deutschen immer vertraut
Der Subtext, der sich aus den Worten des einstigen Verteidigers, der seine gesamte Karriere beim FC Liverpool verbrachte, ergibt: Vor allem Wirtz muss schuld sein an fehlendem Selbstvertrauen, fehlender defensiver Stabilität und dem vermeintlichen Chaos, wenn ausgerechnet er aus einer Mannschaft, die für diese Saison für fast eine halbe Milliarde Euro an Ablösesummen verstärkt wurde, genommen werden soll.
Trainer Slot hat dem Deutschen zuletzt trotz der Eingewöhnungsprobleme vertraut. Er setzte Wirtz konsequent im zentralen offensiven Mittelfeld oder leicht nach links versetzt ein, ließ ihn nur einmal zu Beginn auf der Ersatzbank, um ihn dann einzuwechseln. Insgesamt kommt Wirtz in dieser Saison bisher in der Liga, die Liverpool trotz der jüngsten Niederlage mit zwei Punkten Vorsprung vor Arsenal anführt, und der Champions League auf 605 oder gut 84 Prozent von 720 möglichen Spielminuten. 416 Ballkontakte wurden für ihn in diesen 605 Minuten gezählt, knapp 290 Pässe mit einer Erfolgsquote von gut 80 Prozent.
„Wir müssen ihm nicht beibringen, wie man Fußball spielt. Er muss sich nur an das Intensitätsniveau der Premier League anpassen.“
Arne Slot
Liverpool-Trainer
Das sind grundsätzlich sehr solide Werte, denen jedoch Zahlen entgegenstehen, die den geringen Einfluss Wirtz‘ auf das Liverpooler Spiel demonstrieren: die zwölf erfolglosen Torschüsse, die 17 erfolglosen Torschussvorlagen und eine etwas geringere Erfolgsquote bei seinen Dribblings im Vergleich zur Vorsaison in Diensten der Leverkusener. Diese wiederum sorgen im Wirtz-Kosmos eigentlich dafür, dass sich Räume ergeben für eigene Abschlüsse oder Anspiele zu besser postierten Mitspielern. Nur wo weniger erfolgreiche Dribblings sind, da sind auch weniger Möglichkeiten, Positives für die eigene Mannschaft zu kreieren.
Wirtz braucht „mehr Kraft und Energie“ für die Premier League
„Wir müssen ihm nicht beibringen, wie man Fußball spielt“, sagte Slot jüngst über seinen kriselnden Mittelfeldstar. „Er muss sich nur an das Intensitätsniveau der Premier League anpassen.“
Bisher hat das offenbar noch nicht geklappt. Wirtz selbst sieht die hohe Laufbelastung in der englischen Liga als einen Grund für seine unauffälligen Auftritte: „Dafür brauche ich viel Kraft und Energie. Wenn ich dann den Ball habe, dann fehlt mir vielleicht ein bisschen was“, bekannte der achtfache Torschütze in 33 Länderspielen bei Sky Sport News. Durch mehr Spiele will er sich die Wettkampfhärte für die Premier League holen.
Nur wie lange schenkt Slot einem Spieler, der neben den Anpassungsproblemen an die neue Liga auch den Druck eines gigantischen Preisschildes um den Hals trägt, noch das Vertrauen? Am Samstag (18.30 Uhr, Sky) reist der FC Liverpool zum Spiel an die Londoner Stamford Bridge. Im Duell mit dem FC Chelsea bietet sich für Wirtz die nächste Bewährungsprobe, zu zeigen, dass er bereit ist für die Premier League. Wenn Slot ihn denn lässt.



