Warum auch Merz zur Besinnung kommen sollte

Liebe Leserin, lieber Leser,
seit voriger Woche ist neue Unruhe in die Zivilgesellschaft gekommen – ausgelöst durch ein Treffen von Rechtsextremisten, die im Falle einer Machtübernahme massenhaft Frauen, Männer, Kinder zu deportieren planen. Auch AfD-Anhänger waren dabei sowie drei Mitglieder der CDU, zwei davon auch der umstrittenen Werteunion. Es geht ihnen um Menschen, die Asyl beantragt haben, Menschen mit Aufenthaltsstatus – und auch um Deutsche, die sie für „nicht assimiliert“ halten, sowie solche, die Geflüchteten geholfen haben. Es geht vielleicht um Sie und mich.
Die Pläne hören sich faschistisch an. Viele haben dunkelste Assoziationen, denken an Nazis. Zehntausende gehen auf die Straße. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sagt in seiner neuen Videobotschaft: „Wenn etwas in Deutschland nie wieder Platz haben darf, dann ist es die völkische Rassenideologie der Nationalsozialisten. Nichts anderes kommt in den abstoßenden Umsiedlungsplänen der Extremisten zum Ausdruck. Sie sind ein Angriff auf unsere Demokratie – und damit auf uns alle.“

Ich war sehr gespannt auf die von den Ampelfraktionen initiierte Aktuelle Stunde am Donnerstag im Bundestag. Titel: „Wehrhafte Demokratie in einem vielfältigen Land – Klare Kante gegen Demokratiefeinde und Vertreibungspläne.“ Ich hatte fest damit gerechnet, dass auch der Oppositionsführer, Unionsfraktionschef Friedrich Merz, sprechen würde.
Auch für CDU und CSU ist das Erstarken der AfD und ihres radikalen Umfeldes eine Bedrohung. Angesichts der Schwäche der Ampel müsste die Union um Bund eigentlich bei 40 und nicht wie derzeit bei 30 Prozent liegen. Wer aber Stimmen hinzugewinnt, ist die AfD. Vor den Landtagswahlen im Herbst in Sachsen, Thüringen und Brandenburg liegt sie dort bei Umfragen gegenwärtig auf Platz eins. Auch Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer muss um sein Amt fürchten.
Merz spricht zum Agrarbericht – aber nicht über das rechte Geheimtreffen
Merz sprach aber nicht in dieser Debatte am Nachmittag. Er trat schon am Morgen auf – in der Aussprache über den Agrarbericht der Regierung. Huch, Merz kümmert sich um die Tierwohlabgabe, um den Entschließungsantrag der Ampel zu Erleichterungen für Landwirte sowie um den Stallumbau?
Ich möchte Ihnen ein paar Zitate von ihm wiedergeben. Der CDU-Politiker leitete ein, die Aussprache über den Agrarbericht sei nicht allein eine Aussprache über die Agrarpolitik. Sie stehe spätestens seit den Bauernprotesten im Kontext einer sehr viel größeren gesellschaftlichen Diskussion. Merz sagte: „Auch die Vermutung, die Behauptung und gar öffentlich vorgetragene Verdächtigung, dass diese Demonstrationen von rechtspopulistischen Kräften unterwandert und missbraucht werden – die haben sich als haltlos erwiesen –, aber sie waren Teil Ihrer politischen Kampagne gegen die Landwirtschaft.“

Das ist interessant. Dass nicht alle Proteste von Rechtsextremen missbraucht werden, haben wir auch erlebt (und geschrieben). Das lag auch daran, dass der Bauernverband und Kundgebungsleiter die Proteste dort im Griff hatten. Aber Merz’ Behauptung, Rechtspopulisten würden diese Demonstrationen nicht missbrauchen, ist wohl schwer haltbar.
Hochgehaltene Ampelgalgen und eingegangene Strafanzeigen weisen darauf hin, aber auch dies: Auf der Homepage der Parteikollegin von Merz und Innenministerin von Schleswig-Holstein, Sabine Sütterlin-Waack, ist dieses Statement über die Attacke von Bauern gegen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) an einem Fähranleger zu lesen: „Die Einschätzung des Verfassungsschutzes, dass (Rechts-)Extremisten versuchen, größere politisch-gesellschaftliche Proteste für eigene Zwecke zu nutzen und Anschluss in das vorwiegend demokratisch bürgerlich-konservative Spektrum zu erhalten, hat sich durch die Aktion von gestern bestätigt.“
Wettern gegen die Ampel und das neue Staatsbürgerschaftsgesetz
Merz warf der Ampel in der Agrardebatte ferner vor: „Sie stellen abweichende Meinungen und vor allem so gut wie jeden Protest und fast jede Demonstration gegen die Politik Ihrer Regierung unter den Verdacht der Demokratiefeindlichkeit.“ Dann kam er zum neuen Staatsbürgerrecht, über das am Freitag – nicht in der Agrardebatte – entschieden wurde: „Sie wollen beschleunigte Einbürgerung von zwei Millionen Menschen erreichen unter Hinnahme der doppelten Staatsbürgerschaft überwiegend aus der Türkei und dem arabischen Raum.“
Kurze Information zum neuen deutschen Staatsbürgerschaft: Künftig soll nach fünf statt nach acht Jahren eine Einbürgerung nach einem eindeutigen Bekenntnis zu den Grundwerten der demokratischen Verfassung möglich sein. Voraussetzung ist ferner, dass die zugewanderten Menschen Deutsch sprechen und ohne staatliche Hilfen vom eigenen Einkommen leben können.

RND-Chefredakteurin Eva Quadbeck kommentiert das neue Gesetz so: „Diesen Personen nach fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft zu gewähren ist hilfreich. Zumal die gut integrierten Migrantinnen und Migranten in den meisten Fällen zu Verbündeten ihrer neuen Heimat werden, wenn es darum geht, von allen Zugewanderten Anpassung, Anstrengung und das Einhalten von Regeln einzufordern.“
Merz sagte noch, wenn es um Fragen der Einwanderung gehe, „würden Einwände als rechts und im Zweifel als rassistisch abgekanzelt“. So trage die Ampel „zu dieser Stimmung bei, die wir gegenwärtig in unserem Land haben“. Er beschwor die Regierung: „Kommen Sie mit ihrer Politik zur Besinnung, bevor im Laufe dieses Jahres Teile unseres Landes unregierbar werden.“

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Das waren die Ausführungen von Merz in der Aussprache zum Agrarbericht, wo er den von der Regierung geäußerten Verdacht der Demokratiefeindlichkeit im Land geißelte, nicht aber die Demokratiefeindlichkeit von Rechtsextremisten. In der Aktuellen Stunde, wo sich die demokratischen Parlamentarierinnen und Parlamentarier direkt mit der rechtsradikalen AfD auseinandersetzten, sagte er kein Wort. Ob auch Merz noch zur Besinnung kommt?
Bittere Wahrheit

Es geht doch längst nicht mehr um die Koalition.
Konstantin Kuhle,
stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion
Kuhle sprach in der oben erwähnten Aktuellen Stunde. Er sagte, es gehe jetzt darum, ob alle demokratischen Kräfte bereit seien, die aktuellen Gefahren für die Demokratie gemeinsam zu bekämpfen. Er appellierte an die Politikerinnen und Politiker der Union: „Wir alle sitzen in einem Boot als demokratische Parteien.“
Wie unsere Leserinnen und Leser auf die Lage schauen
An dieser Stelle geben wir Ihnen das Wort:
J. Nega aus Leipzig zum rechtsextremen Geheimtreffen in Potsdam:
„Herr Vosgerau hat gehört, der Sellner sei ‚ein angenehmer Typ und nicht fanatisch‘. Auf SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich traf diese Aussage sicher auch zu. Er war der Kopf der industriell durchgeführten Vernichtung der Juden in den besetzten Gebieten. Geplant in einer Villa am Wannsee wie auch jetzt in Potsdam. Allein der Ort entlarvt, welcher Geist hinter den Plänen der Aussiedlung in ein ‚Musterland‘ in Afrika steht. Hatten wir schon. Auch damals dachten angeblich alle, der liebenswerte Nachbar wurde nur umgesiedelt. Von der Vernichtung hatte niemand etwas wissen wollen. Diese Entwicklung hier in Deutschland macht mich fassungslos. Ich erwarte einen gemeinsamen Aufruf der demokratischen Institutionen, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften zu Demonstrationen aller besorgten, denkenden, demokratischen Bürger gegen diesen aufkommenden Geist des Faschismus.“
Alfred Geldmacher aus Leverkusen zum Kommentar „Da braut sich was zusammen“:
„Bezüglich der von Frau Dunz angepriesenen Erfolge der Ampel muss hier in Teilen widersprochen werden. Wir sind gut durch den milden Winter 2022/23 gekommen, weil die Bevölkerung den Energieverbrauch in Eigenverantwortung gedrosselt hat und gleichzeitig die Laufzeit der Kernkraft und Kohlekraftwerke ungewollt verlängert wurde. Weder Windkraft noch Erdgasterminal waren hierfür verantwortlich. Daneben haben wir die unter den Industrieländern höchste Inflation, 14 Prozent Preissteigerungen alleine bei Lebensmitteln, mit die höchste Einkommensbesteuerung in Europa sowie bei vielen Unternehmen die Umverteilung der Investitionen ins Ausland.“
Dierk Tiedemann zum Kommentar „Dunkle Zeiten für die Solarbranche“:
„Warum müssen immer steuerpolitisch teure Anreize an die Industrie oder wie in der Vergangenheit an die Eigenheimbesitzer gezahlt werden? Erweiterte man den PV-Einsatz auf Standorte in südlichen Ländern, halbierten sich die Investitionskosten pro installierter Leistung aufgrund der höheren und längeren Sonnenstrahlung. Das wären doch wirtschaftliche Anreize genug, um zu investieren, oder? Der Staat könnte sich dann auf den Ausbau von Stromtrassen gen Süden oder die technische Infrastruktur zum Import von Wasserstoff konzentrieren. Es reichte beispielsweise aus, ein EU-weites Programm zur solarbasierten Wasserstoffproduktion am afrikanischen Äquator auszurufen, entweder nördlich im ungenutzten Niemandsland der Sahara oder südlich.“
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Das Autorenteam dieses Newsletters meldet sich am Dienstag wieder. Dann berichtet mein Kollege Markus Decker. Bis dahin!
Herzlich
Kristina Dunz
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