Ein Wendepunkt im syrischen Bürgerkrieg? Erdogan und Assad gehen aufeinander zu

Erst waren sie dicke Freunde, dann erbitterte Feinde. Noch 2008 verbrachten die Familien von Recep Tayyip Erdogan und Baschar al-Assad auf Einladung des damaligen türkischen Premiers einen gemeinsamen Urlaub in Antalya. Drei Jahre später, im „arabischen Frühling“, trennten sich ihre Wege.
Die Türkei unterstütze die syrischen Rebellen, die Assad von der Macht vertreiben wollten. Erdogan erklärte offen, sein Ziel sei der Sturz des syrischen Herrschers. Aus dem „Bruder Assad“ wurde in Erdogans Rhetorik der „Schlächter Assad“.

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Jetzt kommen versöhnliche Töne aus Ankara und Damaskus. Es gebe keinen Grund, die früher guten Beziehungen zu Syrien nicht wiederherzustellen, sagte Erdogan vergangenen Freitag vor Reportern. Zuvor hatte bereits Assad dem russischen Sondergesandten für Syrien, Alexander Lawrentjew, erklärt, sein Land sei offen für eine Wiederaufnahme der Beziehungen zur Türkei.
Auswirkungen auf syrischen Bürgerkrieg
Eine Wiederannäherung der beiden Länder könnte einen Wendepunkt im syrischen Bürgerkrieg bedeuten. Wenn die Türkei ihre Unterstützung für die syrischen Regimegegner einstellt, wäre das ein großer Schritt zur Beendigung des Bürgerkrieges. Für Europa würde ein Ende des Konflikts bedeuten, dass der Migrationsdruck aus Syrien abnimmt. Die Entwicklung birgt allerding auch kurzfristige Risiken. Zumal längst noch nicht klar ist, ob die Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Syrien gelingt.
Russland, neben dem Iran der wichtigste Verbündete des Assad-Regimes, bemüht sich bereits seit längerem um eine Vermittlung zwischen Ankara und Damaskus. 2022 arrangierte die russische Regierung Gespräche zwischen ranghohen Vertretern beider Länder. Erdogan erklärte damals, es sei „nicht länger eine Priorität der Türkei, Assad zu stürzen“. Greifbare Ergebnisse kamen bei den Gesprächen aber nicht heraus.
Hürden bei der Annäherung
Eine neue Gesprächsrunde unter russischer Vermittlung solle Anfang Juli stattfinden, berichtete jetzt das syrische Fernsehen. Aber es gibt Hürden bei der Annäherung.

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Seit 2016 hat die Türkei mehrere Militäroperationen gegen die Rebellen der kurdischen PYD unternommen, den syrischen Ableger der verbotenen Terrororganisation PKK. Das türkische Militär hält Teile Nordsyriens besetzt. Bisher machte Assad eine Wiederaufnahme der Beziehungen von einem Rückzug der türkischen Soldaten abhängig. Dass Erdogan die Kontrolle über Nordsyrien abgibt, ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.
Erdogan startet außenpolitische Neuorientierung
Erst Anfang Juni drohte er mit neuen Militäroperationen, sollten die syrischen Kurden dort Regionalwahlen veranstalten. Auch Assad will keinen Kurdenstaat im Norden seines Landes. Hier treffen sich seine Interessen mit denen der Türkei.
Erdogans Annäherungsversuche an Syrien sind Teil einer breiter angelegten außenpolitischen Neuorientierung, mit der er die Beziehungen zu den arabischen Staaten verbessern will. Erdogan verbindet damit aber auch die Hoffnung, syrische Migranten repatriieren zu können. Die Türkei beherbergt rund 3,6 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge. Sie sind zunehmend unbeliebt, denn viele Türken sehen in den Syrern Konkurrenten im Wettbewerb um Jobs, Wohnraum und Sozialleistungen.
Ein Ende des syrischen Bürgerkrieges würde zwar den Migrationsdruck auf die europäischen Grenzen langfristig merklich mindern. Zunächst aber könnte er anwachsen. Auch wenn sich Erdogan und Assad auf eine Repatriierung von Flüchtlingen verständigen sollten: Längst nicht alle werden freiwillig zurückkehren. In Syrien müssten sie wieder bei null beginnen. Viele fürchten überdies Verfolgung durch das Regime. Deshalb dürften Hunderttausende versuchen, der drohenden Deportation durch eine Flucht nach Westen zu entgehen. Das könnte eine neue Flüchtlingswelle im östlichen Mittelmeer auslösen.



