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Von Kirchen und der Arbeiterbewegung

CDU-Sozialpolitiker Laumann zum 1. Mai: „Es geht um Sinnstiftung und Gerechtigkeitsfragen”

Karl-Josef Laumann ist in Nordrhein-Westfalen Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales.
Karl-Josef Laumann ist in Nordrhein-Westfalen Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales.

Berlin. Der nordrhein-westfälische Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Karl-Josef Laumann, gilt als Solitär unter den deutschen Politikern. Der 67-jährige Christdemokrat ist Sohn einer Landwirtsfamilie und gelernter Schlosser. Ihm war eine politische Karriere eher nicht in die Wiege gelegt. Außerdem ist er gläubiger Katholik und Mitglied der IG Metall und war zugleich lange Jahre Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Schließlich wohnt Laumann noch immer in seiner münsterländischen Heimatgemeinde Hörstel-Riesenbeck - mit einer für jeden im Internet einsehbaren Adresse und Telefonnummer. Das gibt‘s nicht oft.

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Herr Laumann, die katholische Kirche sucht nach dem Tod des alten einen neuen Papst, und der evangelische Kirchentag fällt mit dem Tag der Arbeit, dem 1. Mai, zusammen. Was fällt Ihnen zu diesen drei Ereignissen ein?

Der Tod von Papst Franziskus hat sehr viele Menschen tief berührt. Daran sieht man die große Bedeutung, die die katholische Kirche weltweit hat. Dass der evangelische Kirchentag am 1. Mai beginnt und dass es in diesem Zusammenhang beim Kirchentag auch um Chancen, sozialen Ausgleich und die Frage „Wie gestalten wir Arbeit?“ geht, ist ein schönes Zeichen.

Gibt es zwischen dem Christentum und dem Thema Arbeit Bezugspunkte?

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Ja, natürlich. In der katholischen Kirche spielt die katholische Soziallehre seit weit über 100 Jahren eine ganz große Rolle. Sie wurde entwickelt zur Zeit der Industrialisierung. Die Situation der Fabrikarbeiter war damals einfach erbärmlich. Mit der Soziallehre hat die Kirche bis heute eine großartige Gesellschaftsphilosophie. Mit ihr kann man das Zusammenleben auf dieser Erde so gestalten, dass es für alle Beteiligten vernünftig ist – im Sinne von Solidarität und Subsidiarität. Dieser Lehre zufolge ist der Mensch zunächst für sich selbst verantwortlich, die Familie gilt als Keimzelle des Staates. Daneben gibt es Belastungen, die der Einzelne nicht tragen kann. Erst wenn der Einzelne an seine Grenzen gerät, greift die Gemeinschaft ein und versucht bestmöglich, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

Dass wir in Deutschland Sozialversicherungen haben, die nicht staatlich sind, sondern selbst verwaltet, wäre ohne den geistigen Hintergrund der christlichen Soziallehre nicht möglich gewesen.

Und das bezieht beide Kirchen ein?

Ja. Die katholische Kirche war da immer ein bisschen lauter, weil die katholische Kirche die Sozialverbände hatte. Gerade in meiner Heimat, im Münsterland, sind sie sehr stark. Aber die christliche Soziallehre haben beide Kirchen über die Jahre weiterentwickelt. Und sie beruht wie gesagt auf den Fundamenten von Solidarität und Subsidiarität und dem Gedanken, dass die kleinen Lebenskreise selbst entscheiden sollten, was sie selbst entscheiden können – bevor der Staat tätig wird. Diese christliche Soziallehre spielt auch für meine Partei, die CDU, eine große Rolle, organisiert in der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft.

Laumann: „Die Kirchen müssen den Anspruch haben, die Gesellschaft mitzugestalten“

Noch mal kurz zurück zum evangelischen Kirchentag: Dass dessen Präsidentin Anja Siegesmund auf der 1.Mai-Kundgebung sprechen will, finden Sie insofern schlüssig?

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Ja. Unsere Kirchen müssen nach meiner Auffassung auch den Anspruch haben, unsere Gesellschaft aus dem Glauben heraus mitzugestalten. Die Kirchen müssen sich daher auch um die Gestaltung der Arbeitswelt kümmern. Arbeit ist mehr als „nur“ Broterwerb, denn mit ihr verbringen die Menschen einen Teil ihres Lebens. Es geht um Sinnstiftung und Gerechtigkeitsfragen. Diese Aspekte haben im Christentum ebenfalls immer eine große Rolle gespielt. Deshalb sind einseitig festgelegte Löhne auch nicht fair. Vielmehr ist es eine gute Idee, dass der Tarifvertrag zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt wird. Außerdem sollten Menschen, die am gleichen Ort die gleiche Arbeit machen, gleich gut bezahlt werden, zum Beispiel Frauen und Männer. Das alles sind Themen, die vom christlichen Menschenbild her ebenso sehr kirchliche Themen sind. Und natürlich stehen sie in der Tradition des 1. Mai. Im Übrigen ist die Tarifbindung der Kern der sozialen Partnerschaft.

Unter anderem weil die Zahl der Arbeitnehmer abnimmt, sind sie heute in einer besseren Verhandlungsposition als noch vor ein paar Jahren. Andererseits wächst der Druck in der Arbeitswelt. Und Arbeitnehmer werden immer häufiger krank.

Grundsätzlich ist es so, dass Menschen mit einer soliden Ausbildung derzeit in den meisten Regionen des Landes die Chance haben, eine sehr gute Arbeit zu finden. Nur haben wir auch in Deutschland rund sechs Millionen Leute im Niedriglohnbereich. Die profitieren vom Mindestlohn. Denn Löhne dürfen nicht ins Uferlose fallen. Und wenn ein Mensch acht Stunden am Tag fleißig ist, dann muss er von den Früchten seiner Arbeit leben können.

Muss der Mindestlohn steigen?

Das entscheidet die zuständige Kommission. Wichtig ist mir, dass die Kommission dabei die Inflation und die Lebensrealität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wirklich im Blick hat. Wer in Vollzeit arbeitet, sollte mit dem Mindestlohn ein Einkommen erzielen, das oberhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegt.

Laumann: „Mich bewegt, dass sich immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland gestresst fühlen.“

Worauf führen Sie die steigenden Krankenstände zurück?

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Es gibt sehr überzeugende Analysen, wonach das auch mit der elektronischen Krankschreibung zusammenhängt, dass also einfach viel mehr Krankheitsfälle in die Statistik aufgenommen werden als früher und dass der Anstieg damit auch auf einem statistischen Effekt beruht.

Ganz grundsätzlich gibt es viele unterschiedliche Gründe für den hohen Krankenstand. Was mich aber besonders bewegt, ist die Tatsache, dass sich viele Arbeitnehmer in Deutschland sehr gestresst fühlen. Und das ist eine Frage der Organisation von Arbeit: Wie kriege ich es hin, dass die Leute sich auf der Arbeit wohlfühlen und sich mit ihrer Arbeit identifizieren? Ich selbst bin im 52. Jahr meiner Berufstätigkeit. Und für mich war immer sehr wichtig, dass ich mich mit meiner Arbeit, meinem Arbeitgeber und dem Produkt identifizieren konnte. Wenn man das als Arbeitgeber hinkriegt und auf der Arbeit eine gute Stimmung herrscht, dann hat man schon viel richtig gemacht.

Welche Rolle spielen da die Gewerkschaften? Sie wirken im Moment so stark wie lange nicht mehr.

Ja. Die Gewerkschaften haben gute Organisationszahlen. Sie verteidigen im Übrigen den Staat und die soziale Marktwirtschaft und stehen für die Demokratie. Dafür bin ich als Politiker sehr dankbar – zumal es in einem Teil ihrer Klientel teilweise radikalere Meinungen gibt. Allerdings ist Wettbewerbsfähigkeit bei der Gestaltung von Löhnen und Arbeitszeiten zentral. Das muss abgewogen werden. Und die Politik muss im Auge behalten, dass Deutschland ein starker Industriestandort bleibt. Gerade in den energieintensiven Bereichen haben wir da erhebliche Probleme. Hier liegt eine Aufgabe für die neue Bundesregierung, die Energiewende so zu gestalten, dass wir für unsere Industrie sichere und bezahlbare Energie haben.

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Ein anderer Faktor in der Arbeitswelt von heute ist die Künstliche Intelligenz. Gefährdet sie die Würde von Arbeit, indem sie Menschen überflüssig macht?

Ich bin davon überzeugt, dass KI große Chancen bieten kann. Wie zum Beispiel im Gesundheitsbereich bei der Analyse von Röntgenbildern. KI kann auch dazu beitragen, Beschäftigte zu entlasten und Arbeitsplätze attraktiver zu machen. Zum Beispiel wenn es um Routinetätigkeiten geht oder um Arbeitsabläufe, die monoton oder körperlich besonders belastend sind.

Natürlich wird sich unsere Arbeitswelt durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändern. Aber sie hat sich immer verändert – und zwar so, dass dadurch eine höhere Wertschöpfung und mehr Wohlstand entstanden sind. Mir ist aber wichtig, dass wir dabei immer im Blick halten, dass KI verantwortungsvoll und zum Wohle des Menschen eingesetzt wird.

Anders als die Gewerkschaften scheinen die Kirchen immer schwächer zu werden, jedenfalls in Deutschland. Liegt das an den Institutionen, den Gläubigen oder der Gesellschaft?

Es liegt an allem ein bisschen. Ich bin noch groß geworden in einem kleinen münsterländischen Dorf mit einem starken katholisch-konservativen Milieu. In der Generation meiner Eltern und Großeltern waren viele Dinge gesetzt und wurden nicht hinterfragt. Das ist heute anders. Heute müssen die Kirchen Menschen vor allem Unterstützung geben, mit ihrem Leben klarzukommen. Sie müssen nahe bei den Menschen bleiben und dürfen sich nicht zu weit von ihnen entfernen. Das war ja das große Anliegen von Papst Franziskus. Er wollte diese bescheidene und dienende Kirche. Jedenfalls sind die Kirchen als Institutionen unverzichtbar. Ohne sie wird es schwer, den Glauben an die nächsten Generationen weiterzugeben. Dazu braucht es Eltern, Großeltern – und Kirchen.

Wo fühlen Sie sich als Christ und Gewerkschafter denn eher zu Hause: im Gottesdienst oder auf einer Mai-Kundgebung?

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Das ist aber eine fiese Frage (lacht). Aber ich kann wohl guten Gewissens sagen: Mir gibt die sonntägliche Messe nach wie vor sehr viel für die Woche.

Sie gehen regelmäßig?

Ja. Ich bin ein regelmäßiger Kirchgänger. Und regelmäßig bedeutet: nicht nur an Weihnachten, Ostern und Pfingsten.