Hilft der Kunstmarkt russischen Oligarchen, Sanktionen zu umgehen?

Häuser fallen auf Häuser. Ordentliche Häuser, die mit ihren hohen Fenstern französisch anmuten. In Pastellfarben kippen und lehnen sie – irgendwo zwischen zufällig und sorgsam auf die Ecke gestellt. Als hätte ein extrem reicher Mensch sein gesammeltes Immobilienkapital auf einen Haufen geschmissen. Doch auch das hier beschriebene Bild, namentlich „La Poitrine“ – zu Deutsch „die Brust“ – des Surrealisten René Magritte, ist ein Vermögen wert. Genauer: ein Vermögen von 7,5 Millionen US-Dollar.
Doch es geht hier nicht um das, was auf dem Bild zu sehen ist, sondern darum, wem dieses Bild gehört – dem russischen Oligarchen Arkady Rotenberg, der zum Zeitpunkt des Ankaufs 2014 nach der Annexion der Krim auf Sanktionslisten der USA stand. Es ist der einzige gut dokumentierte Fall, in dem eine sanktionierte Person die dunkel-diskreten Nischen des Kunstmarktes über einen privaten Kunsthändler, eine Strohfrau und die Offshore-Firma „Highland Ventures“ nutzen konnte, um sein Geld an den Behörden vorbei in ein Werk zu investieren.
Vom internationalen Kunstmarkt abgeschnitten
Ende Februar 2022 fiel Putin in der Ukraine ein – der politische Westen erweiterte die Sanktionslisten, fror Konten ein und schloss Russland aus dem Swift-Abkommen aus. Alles mit dem Ziel, den Dauerpräsidenten und seine Nächsten finanziell trocken zu legen. Eigentlich. Doch welche Lücken bietet der internationale Kunstmarkt heute noch? Können russische Oligarchen durch seine Hilfe Sanktionen umgehen?

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„Wir hatten noch einen Kunden aus Russland, der am 24. Februar 2022 eine Rechnung zahlen wollte, es dann aber nicht mehr konnte“, sagt Henrik Hanstein vom Kölner Auktionshaus Lempertz dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Kunstzeitschriften meldeten in den Wochen nach dem Beginn des Angriffskrieges, dass Russland vom internationalen Markt abgeschnitten sei. Mit Russen würde in der EU keiner mehr Geschäfte machen. „Wir können ja auch keine Werke mehr nach Russland ausführen“, erklärt Hanstein. Obendrein sei der Imageschaden immens.
Bei Christie‘s sieht das international etwas anders aus. Auf Nachfrage des RND bestätigt das Auktionshaus, dass 2021 – also vor dem Krieg in der Ukraine – etwa ein Prozent der Kundinnen und Kunden aus Russland kamen. Und seitdem der Krieg wütet? Das Auktionshaus führe derzeit innerhalb aller anwendbare Gesetze auch Geschäfte in allen Regionen, heißt es eher ausweichend. Aber natürlich: Sanktionen würden eingehalten, ausnahmslos. Rigoros. Strikt und sowieso. Ähnlich äußert sich Sotheby‘s.
Kenne deinen Kunden
Doch kann das wirklich garantiert werden? Arkady Rotenberg, ein alter Judo-Freund Putins, trat 2014 ja nicht persönlich als Käufer von „La Poitrine“ auf, sondern versteckte sich hinter einem komplexen Geflecht von Offshore-Firmen. Der US-Senat schrieb 2020 in seinem Bericht über ebenjenen Ankauf vom Kunstmarkt als letztem unregulierten Finanzmarkt. Senator Rob Portman sagte dazu: „Es ist schockierend, dass die Regeln für US-Banken nicht auch für den millionenschweren Kunstmarkt gelten.“ Und doch ist der Fall, mit dem sich der US-Senat befasste, nun fast ein Jahrzehnt her.
Die Welt ist heute eine andere. Russland hat die Ukraine angegriffen, die Welt hat sich gespalten in ein Dagegen und ein Dafür. Die meisten globalen Handelsbeziehungen zur einstigen Weltmacht sind eingefroren. Das Interesse seitens der internationalen Staatengemeinschaft, Russland durch Sanktionen wirtschaftlich hart zu treffen und zu isolieren, ist weitaus größer als noch nach der Annexion der Krim. Auch wurden sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks die Regeln für den Kunstmarkt verschärft – nicht zuletzt aufgrund des Berichts des US-Senats. Es gilt heute das KYC-Prinzip: „Know Your Costumer“ (Kenne deinen Kunden).
„Intransparenter und unregulierter Markt“
„Der Kunstmarkt ist als ein noch weitgehend unregulierter und intransparenter Markt – im Gegensatz zum Finanzmarkt – per se gut für Transaktionen geeignet, bei denen sowohl die Herkunft des Geldes als auch der Verbleib der Kaufsumme ungeklärt bleiben“, sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes dem RND. Verkäufer und Käuferinnen würden demnach nicht als Personen in Erscheinung treten, sondern anonym, beispielsweise über Offshore-Firmen oder Kunstmakler. Der deutsche Gesetzgeber wollte dies mit einer Aktualisierung des Geldwäschegesetzes verändern. In Deutschland müssen sich inzwischen Auktionshäuser oder andere Händlerinnen die Personalausweise ihrer Kundinnen und Kunden ab einem Kaufwert von 10.000 Euro kopieren. Auch die USA haben nach der Aufdeckung von Rotenbergs Ankauf von „La Poitrine“ die Geldwäschegesetze strikter gefasst.
Wie sieht aber nun der Kunsthandel in Russland aus? „Der russische Kunstmarkt ist ziemlich klein“, sagt Ilia Shumanow dem RND. Er ist der Vorsitzende von Transparency International in Russland – einer Organisation, die sich international gegen Geldwäsche und Korruption einsetzt. Als solcher wurde er von der russischen Regierung bereits als „ausländischer Agent“ eingestuft. „Es sind vielleicht 1000 Leute in Russland im Kunstmarkt überhaupt involviert“, berichtet Shumanow. Dieser Markt sei nun größtenteils vom internationalen Kunstmarkt abgeschnitten, ebenso wie es der Auktionator Hanstein dargestellt hatte.
Doch sagt er auch: „Es ist immer noch möglich, dass Oligarchen Kunst über Offshore-Firmen kaufen.“ Gleichzeitig gebe es ein selbst regulierendes Element im Kunstmarkt: die Provenienz. Sie beschreibt im Prinzip die Liste der vorherigen Eigentümer. Ohne eine gut nachweisbare Provenienz ist ein Kunstwerk heutzutage beinahe unverkäuflich. Sie garantiert einmal die Echtheit, weil die Händlerinnen und Händler nachvollziehen können, wann es wem auch kurz nach der Herstellung gehört hat. Dazu kann man über die Provenienz nachvollziehen, ob es sich um Raubkunst handelt – oder ob es sich beim heutigen Besitzer oder bei der heutigen Besitzerin um sanktionierte Personen handelt –, und man muss Informationen wie Kaufverträge mit den Namen der wahren Besitzenden des Bildes liefern.

Bis zur Ukraine-Invasion spielten russische Oligarchen und Oligarchinnen eine beachtliche Rolle im Kunstmarkt. In London, Wien oder in der Schweiz kauften sie laut angefragten Expertinnen und Experten nicht nur Immobilien, sondern ebenso Kunst. Dabei gab es zwei Kategorien: Diejenigen, die sogenannte Trophäenkunst kauften, also jene allseits bekannten – und meist männlichen – Kanon-Künstler, deren Preise regelmäßig Rekordhöhen erreichen. Ein Kauf ermöglicht ihnen, dank des ungeachtet jeder Krise boomenden Kunstmarkts ihr Vermögen zu sichern – oder bei einem Verkauf zu liquidieren.
Der Kunsthändler Anton Merkurow hat Transparency International in Bezug auf die Korruption im russischen Kunstmarkt beraten. Er war selbst lange Kunsthändler in Russland, heute lebt er in Großbritannien. Dadurch weiß er aber zu berichten, was hinter den Kulissen passiert. Früher betrieb er eine eigene Galerie in Moskau. „Natürlich gibt es Regeln für den Kunstmarkt“, sagt er im Gespräch mit dem RND. Aber er weiß aus seiner langjährigen Erfahrung selbst: „Wenn jemand ein Bild kaufen will, verkauft man es. Man macht den Deal.“
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Im Zweifel werde zumindest in Russland seiner Erfahrung nach nicht nach dem Ausweis des Käufers gefragt. „Doch selbst wenn alles offiziell zugeht: Wer kann denn sagen, ob jemand ein Kunstwerk für sich gekauft hat, oder ob er es dann der Schwester, dem Vater oder Schwager schenkt?“ Zudem gebe es immer noch den Schwarzmarkt, der an kriminelle Strukturen gebunden sei. Doch konkrete Fälle kenne auch er nicht, sagt Merkurow – dies liege aufgrund der Verschwiegenheit und Intransparenz des Marktes in der Natur der Sache.
Viele Kunstsammler um Wladimir Putin
Mögen es nur wenige Personen sein, die in Russland mit Kunst handeln oder diese sammeln – auffällig ist die Dichte der Sammlerinnen und Sammler im Dunstkreis von Wladimir Putin und bei den reichsten Menschen des Landes. Wladimir Potanin, einer der reichsten Männer Russlands, war jahrelang Berater und großzügiger Spender des Guggenheim-Museums in New York, Wiktor Wekselberg hat ein Faible für Fabergé-Eier. Die reichste Frau Russlands, Elena Baturina, ist Gründerin des kreativen Thinktanks Be Open und tritt auch heute noch als solche in der Webpräsenz auf. In der Vergangenheit hat der Thinktank auch in Europa junge Kunst, Architektur und Design gefördert. Dmitri Rybolowlew gilt unter anderem als einer der reichsten Menschen der Erde, hat einst das teuerste Gemälde der Welt – den Leonardo da Vinci zugesprochenen Salvator Mundi – besessen, bevor es der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman kaufte.

Und natürlich ist da noch Roman Abramowitsch, der bis zum 24. Februar 2022 nicht nur Yachten und Fußballklubs sammelte, sondern auch hochpreisige, bemalte Leinwände aus dem High-End-Bereich. Mit einer Shoppingtour 2008 hat er sich in der internationalen Kunstszene einen Namen gemacht. Er gab hunderte Millionen US-Dollar für gleich mehrere Bilder von Francis Bacon aus – und das an einem Wochenende. Ein besonderer Freund von ihm soll der weltweit erfolgreichste Galerist Larry Gagosian gewesen sein. Lange war, bis auf einzelne Gemälde, nicht ganz klar, wie umfangreich seine Sammlung ist. Doch kürzlich hat der britische „Guardian“ detailliert aufgrund der „Oligarch Files“ über die prominente Sammlung berichtet. Die mehr als 300 Stücke darin sollen etwa 963 Millionen US-Dollar Wert sein. Innerhalb von zehn Jahren hat er mithilfe seiner Ex-Frau Dasha Zhukowa, auf die wir später noch zu sprechen kommen, eine höchstkarätige Sammlung aufgebaut.
Man könnte ganze Museen mit ihren Werken füllen: Salvador Dalí, Pablo Picasso, Mark Rothko, Olafur Eliasson, Andreas Gursky (ausgerechnet ein Foto von einem Boxwettkampf von Witali Klitschko), Lucien Freud, Tracey Emin, Cy Twombly, Cindy Sherman, Piet Mondrian, Alberto Giacometti, James Turrell – und auch ein Renée Magritte. Die Auswahl der Werke ist das absolute Who-is-who der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Auffällig in dieser Sammlung ist aber laut „Guardian“ nicht nur das, was sich darin befindet. Sondern auch das Drumherum. Demnach besitzt Roman Abramowitsch offiziell seine Sammlung gar nicht mehr. Laut dem Bericht soll er in den Tagen vor dem russischen Angriff in der Ukraine seine Anteile am Trust der Sammlung reduziert haben, sodass seine Ex-Frau Zhukowa zur Mehrheitsbegünstigten wurde. 51 Prozent für Zhukowa, 49 Prozent für Abramowitsch – eine von den Treuhändern unterzeichnete Urkunde habe dieses beglaubigt. Ein paar Tage später sei diese Veränderung in Kraft getreten, Zhukowas Zustimmung sei dafür nicht nötig gewesen. Durch solch ein Konstrukt ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Sammlung vor einer Sanktionierung geschützt ist.
Zhukowa selbst steht ebenfalls im Zentrum der globalen Kunst-Elite – sie hat 2008 das Garage Museum of Contemporary Art in Moskau eröffnet, Amy Winehouse spielte dort zur Vernissage ein Konzert. 2016 trennten sich Abramowitsch und Zhukowa, inzwischen hat sie wieder geheiratet, ist US-Amerikanerin und damit nicht sanktioniert. Sie selbst hat die Invasion Russlands als Kriegshandlung bereits öffentlich verurteilt und ihre Solidarität mit der Ukraine bekundet.
Nach „Guardian“-Informationen gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass Stücke aus der Sammlung seit der Invasion Russlands in der Ukraine veräußert wurden. Auch in der neuen Datenbank der „National Agency of Corruption Prevention“ (NACP) der Ukraine, die Kunstwerke listet, die sanktionierten Russinnen und Russen gehören, gibt es keine Hinweise darauf.
Der internationale Kunstmarkt aber zeigt sich reuevoll im Umgang mit Russland. Der Krieg wird verurteilt, Kontakte sind öffentlich abgeschnitten. Dafür gibt es jetzt einen Hype um einen anderen lokalen Markt: Hongkong. Das Auktionshaus Phillips hat dort seine jüngste Dependance eröffnet.




