Träume im Alter: Wie sich die nächtlichen Fantasien verändern

Hannover. Wenn es um Träume älterer Menschen geht, kursieren viele Klischees und Vorurteile. Oft heißt es, dass sie weniger träumen würden und dass das Kopfkino im Schlaf sehr stark auf frühere Zeiten fixiert sei.
„Das kann man so pauschal nicht sagen“, meint Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Das Gehirn lässt sich nicht abschalten – auch im Schlaf nicht. Es arbeitet immer, macht sozusagen ‚Großputz‘, indem es die Dinge, die wir tagsüber aufgenommen haben, mit unseren vorhandenen Informationen mischt und neu abspeichert“, erklärt Schredl.
Die Wissenschaft spricht von einer schlafbezogenen Gedächtniskonsolidierung, bei der Unwichtiges gelöscht und Wichtiges – in stark komprimierter Form – ins Langzeitgedächtnis übertragen wird. „Das heißt auch, dass wir ständig träumen. Auch, wenn wir uns nicht immer daran erinnern“, weiß der Psychologe, der Träume als subjektives Erleben während des Schlafes definiert.

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Träume früher meist unwichtig
Woher aber kommt die Annahme, dass Seniorinnen und Senioren nicht so viel träumen? „Das ist eine Frage der Einstellung“, sagt Schredl, der seit mehr als 35 Jahren als Traumforscher arbeitet. „In der älteren Generation hieß es früher ‚Träume sind Schäume‘ – man hat ihnen einfach nicht so viel Bedeutung beigemessen. Und das hat sich im Alter bis heute bei ihnen nicht großartig geändert.“
Allerdings würde sich mit dem Älterwerden die Szenerie ändern. Der Grund: „Träume haben meist einen Bezug zum gegenwärtigen Alltag – und zwar in jeder Generation“, erklärt der Wissenschaftler.
„Da das Leben bei Älteren jedoch in der Regel gemächlicher verläuft als bei Jüngeren, sind auch die Träume meist bedächtiger, weniger aufregend.“ Etwas Einschneidendes oder Belastendes würde allerdings auch bei älteren Menschen die nächtliche Traumwelt negativ färben können.
Klassische Rollenverteilung zeigt sich
Studien hätten gezeigt, dass bei jungen Leuten häufig der Freundeskreis eine große Rolle spielt, bei älteren mehr die Familie. Auch zwischen Seniorinnen und Senioren gebe es Unterschiede in der nächtlichen Gehirnarbeit.
„Ältere Frauen träumen häufiger von verstorbenen Personen, ältere Männer von ihrer früheren Arbeit“, so Schredl. Da zeige sich die klassische Rollenteilung: Frauen mit dem Fokus auf soziale Kompetenz, Männer als Ernährer der Familie.
Neben dem Alltag, der die Träume beeinflusst, könne auch die Vergangenheit „auftauchen“ – vor allem, wenn es traumatische Erlebnisse gibt. „Die Daten, die wir ausgewertet haben, besagen, dass 20 Prozent der Kriegsgeneration ab und zu vom Zweiten Weltkrieg träumt“, sagt der Psychologe. „Sie sehen sich dabei übrigens nicht selbst als Kinder, die sie damals waren, sondern als die Personen, die sie aktuell sind.“
Träume verraten, was uns bewegt
Träume würden uns verraten, was uns durch den Kopf geht, was uns beschäftigt. „Wer sich im wachen Zustand mit diesen Themen auseinandersetzt, kann seine Träume positiv beeinflussen.“ Sogar Albträume würden sich lenken lassen, weiß Schredl, der seit 20 Jahren seine Träume aufschreibt – es sind mittlerweile mehr als 18.500.
„Albträume sind mit starken negativen Gefühlen verbunden, mit Angst, Ekel oder Scham. Sie führen häufig zum Aufwachen“, so der Fachmann. „Im Lauf des Lebens werden die bedrohlichen Hirngespinste allerdings weniger. Zwar träumen Kinder nicht mehr als Erwachsene, aber es ist erwiesen, dass man in jungen Jahren mehr Albträume hat.“
Das liege daran, dass Kinder im Verlauf ihrer Entwicklung lernen müssen, mit Ängsten umzugehen. Das funktioniere über Konfrontation, die nach und nach die Ängste abbaut – auch im Schlaf.
„Doch ganz verschwinden Albträume auch im Alter nicht“, erklärt Schredl. Laut einer repräsentativen Umfrage ängstigt die Schlafenden am häufigsten der Sturz ins Bodenlose, bei dem man aufwacht, kurz bevor man aufschlägt. „Eine zugespitzte Version eines Gefühls aus dem Wachzustand. Hier handelt es sich um Hilflosigkeit, um Ausgeliefertsein“, kommentiert er den Falltraum.
Angstträume tagsüber „bearbeiten“
„Mitunter haben kreative und sensible Personen eine Neigung zu Albträumen. Generell aber signalisieren Albträume, dass man zu viel Stress hat oder etwas Traumatisches erlebt hat. Es macht also Sinn, herauszufinden, wo das reale Problem liegt.“ Parallel dazu könne man auch eine immer wiederkehrende beängstigende Traumsituation im Wachzustand „bearbeiten“, weiß der Fachmann.
Er erklärt das am Beispiel Falltraum: „Einmal pro Tag sollte man die Situation im Kopf positiv durchspielen. Da könnten etwa die Feuerwehrleute ein Sprungtuch aufgespannt oder eine Matratze hingelegt haben, auf die man weich fallen kann. Dann kommt einer der Helfer mit einer Tasse heißen Tee ...“ Das sei eine Art Vorstellungs-Wiederholungstherapie.
„Durch die neue Bewältigungsstrategie wird das Gedankenmuster im Gehirn verändert. Und wenn dann eine ähnliche Angstsituation im Traum auftritt, wird gleichzeitig die neue Bewältigungsstrategie aufgerufen. Das heißt: Indem man das Angstphänomen angeht, sich damit konfrontiert und es bewältigt, nehmen die Albträume ab“, erklärt Schredl.
„Das kann man ganz allein üben – jeden Tag fünf Minuten, zwei Wochen lang“, meint der Psychologe. „Wenn es sich allerdings um posttraumatische Albträume handelt, wenn also reale Erlebnisse der Auslöser für den Albtraum sind, ist therapeutische Unterstützung notwendig.“
Dass Albträume im Alter auf Krankheiten wie etwa Demenz hinweisen können, sei umstritten. „Wer ständig davon träumt, dass er Angst hat, Sachen nicht zu finden oder dass er sich verläuft, hat im realen Leben vielleicht die Sorge, dass das Gedächtnis nachlässt“, sagt der Experte. „Aber Träume sind kein Eins-zu-eins-Maßstab. Ob das tatsächlich der Fall ist, sollte man in einer Gedächtnissprechstunde klären.“
Übrigens: Guter Schlaf habe indirekt auch Auswirkungen auf die Träume, meint Schredl. „Dabei hilft ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, ausreichend Bewegung, geistige Entspannung – und natürlich möglichst wenig Stress im Alltag.“




