Wie lässt sich Gewichtsverlust bei Krebs stoppen?

Göttingen. Etwa die Hälfte der Krebspatientinnen und Krebspatienten ist davon betroffen: Mangelernährung, Gewichts- und Muskelmassenverlust infolge der Erkrankung. Diese Begleiterscheinungen schränken nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit der Patientinnen und Patienten ein, sondern verschlechtern auch die Chancen auf Genesung. Wie die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) jetzt mitteilte, haben Forscherinnen und Forscher der UMG auf Basis von Untersuchungen einen neuen Ansatz entwickelt, um diesen Symptomen der Krebserkrankung entgegenzuwirken. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden im September in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Cancer“ veröffentlicht.
Ein Team von Forscherinnen und Forschern um den Direktor des Instituts für Klinische Chemie der UMG, Prof. Dr. Fischer, haben mit ihren Untersuchungen gezeigt, dass die Zellschicht an der Innenseite von Blutgefäßen (das Endothel) eine entscheidende Rolle beim Verlust von Fettgewebe bei Krebserkrankungen spielt. Nach den erzielten Ergebnissen führt eine Überproduktion von Retinsäure während einer Krebserkrankung zum Abbau von Gewebe. Auf Basis der neu gewonnenen Erkenntnisse können nun verschiedene Strategien zur Unterbindung dieses Vorgangs entwickelt werden.
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Blutgefäße kommunizieren mit Tumoren
Blutgefäße versorgen fast jede Zelle im menschlichen Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen. Sie sind jedoch keine passiven Röhren, die nur das Blut transportieren, sondern steuern die Wiederherstellung von Gewebe, die Erneuerung und Differenzierung von Stammzellen – dies sind Zellen, die an Regenerationsprozessen im Körper beteiligt sind – sowie auch das Fortschreiten von Tumoren. Das Endothel, die Innenseite von Blutgefäßen, fungiert dabei als eine Art Kommunikationsplattform, die auch den Transport von Nährstoffen, Hormonen, Immun- und Krebszellen durch die Gefäßwand aktiv steuert.
„Die Ergebnisse meiner Forschungsgruppe zielen darauf ab, die Signalwege zu erforschen, die das Wachstum der Blutgefäße und die Freisetzung von Botenstoffen steuern, welche die Funktionen der umgebenden Zellen in normalen Geweben und Tumoren steuernich weiß, es ist ein Zitat, die Wortdopplung fällt mir trotzdem auf.“, erklärte Prof. Dr. Fischer. Die Untersuchungen hätten die Signalübertragung im Endothel der Blutgefäße als Schlüsselfaktor für den Umbau und Verlust von weißem Fettgewebe identifiziert, so Fischer weiter.

Der Verlust von Muskel- und Fettmasse, auch Kachexie, kann den Verlauf von Krebserkrankungen entscheidend beeinflussen. Betroffene leiden unter verminderter Lebensqualität, einer schlechten Reaktion auf die Chemotherapie und hoher Sterblichkeit. Trotz dieser höchst negativen Auswirkungen gibt es keine standardisierte Behandlung. Das könnte sich aufgrund der erzielten Ergebnisse des UMG-Forschungsteams bald ändern. Anhand von Krebsmodellen beim Menschen und bei Mäusen konnten die Forscherinnen und Forscher zeigen, dass Tumore im frühen Stadium des Gewichtsverlusts für eine übermäßige Produktion von Retinsäure sorgen. Wird die Wirkung der Retinsäure, wie in der Studie geschehen, blockiert, verhinderte dies bei Mäusen die weitere Gewichtsabnahme. Ziel ist es jetzt herauszufinden, ob sich die Erkenntnisse in die Therapie überführen lassen.
GT/ET