Kaum Unterstützung, fehlende Strukturen: Lehrkräfte unzufrieden mit der schulischen Realität von Inklusion

Um die Inklusion in Deutschland steht es nicht gut – zumindest, wenn man die Lehrkräfte fragt. So das Fazit einer Forsa-Umfrage, die am Montag vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Berlin vorgestellt wurde. Das Meinungsforschungsinstitut befragte dafür 2737 Lehrkräfte und verglich die Ergebnisse mit Befragungen aus den Jahren 2015, 2017 und 2020. Der VBE fungierte als Auftraggeber der Studie.
Die Lehrkräfte bemängelten vor allem die Umsetzung der Inklusion, fehlende Strukturen und mangelnde Vorbereitung in der Aus- und Weiterbildung. Obwohl 62 Prozent der befragten Lehrkräfte Inklusion grundsätzlich befürworten, halten nur 28 Prozent diese so, wie sie gerade umgesetzt wird, für praktikabel. Als Gründe dafür nennen sie: fehlendes Personal, große Klassen und mangelnde individuelle Förderung.

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Keine angemessene Unterstützung
Viele Lehrkräfte fühlen sich nicht angemessen unterstützt bei der Umsetzung. Jede zweite Lehrkraft kann nicht auf multiprofessionelle Teams zurückgreifen, vier von fünf Lehrkräften berichten von gänzlich fehlenden, unterstützenden Maßnahmen ihrer Schule. In den meisten Fällen (zwei Drittel) wird die Klassengröße nicht reduziert, wenn Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf dazukommen.
Zudem fühlen sich die meisten inklusiv unterrichtenden Lehrkräfte nur ungenügend vorbereitet. Nur 11 Prozent der Befragten gaben an, dass sie über sonderpädagogische Kenntnisse verfügen. Bei 41 Prozent der Befragten ist das zumindest teilweise der Fall. Rund zwei Drittel (67 Prozent) berichten zudem, dass Inklusion kein Teil ihrer Lehrkräfteausbildung war.
Nach Angaben des VBE ist die mangelhafte Umsetzung der Grund dafür, dass sich 77 Prozent der befragten Lehrkräfte dafür aussprechen, Förder- und Sonderschulen mehrheitlich oder vollständig zu erhalten. „Hier zeigt sich ein strukturelles Versagen“, sagte VBE-Vize Tomi Neckov. „Die Politik muss begreifen: Inklusion ist kein Randthema – sie ist ein Prüfstein für den Zustand unseres Bildungssystems.“ Wenn 41 Prozent der Befragten angeben, dass ihre Schule nicht barrierefrei sei, werde offensichtlich, dass etwas gehörig schieflaufe.
Zudem betreffe der mangelnde Zugang nicht nur Kinder mit Behinderung, auch Lehrkräfte und Eltern würden ausgeschlossen. „Das widerspricht dem Grundrecht auf Teilhabe und freie Berufswahl“, so Neckov.
Länderspezifische Unterschiede
Je nach Bundesland variieren die Unterschiede hinsichtlich der Umsetzung von Inklusion. Während jede zweite Schule in Berlin nicht barrierefrei ist, trifft das auf Schulen in Niedersachsen (28 Prozent) und Bayern (30 Prozent) deutlich seltener zu.
Multiprofessionelle Teams, also Sonderpädagogen, Erzieher, Schulsozialarbeiter und Lehrkräfte, sind bundesweit an jeder zweiten Schule vertreten. Im Ländervergleich zeigt sich, dass Baden-Württemberg (34 Prozent), Rheinland-Pfalz (34 Prozent), Bayern (32 Prozent), Mittel-Ostdeutschland (36 Prozent) und Region Nordost (35 Prozent) mit jeweils etwa nur einem Drittel aufwarten können. Berlin und Nordrhein-Westfalen sind mit jeweils über 60 Prozent besonders gut aufgestellt.
In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ist Inklusion mit rund 25 Prozent der Fälle besonders selten Teil der Ausbildung. Bei Fortbildungen sticht besonders Bayern hervor. 28 Prozent nahmen an inklusionsspezifischen Fortbildungen teil. Das sind mehr als doppelt so viel wie der Durchschnitt in Deutschland (13 Prozent).


